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"Der heruntergekommene Gott"

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Sechs Pfarrer*innen zu Karfreitag:

Dekan Martin Mencke (Karfreitagsgottesdienst, 10 Uhr, Lutherkirche): Etwas kühl ist es, durchaus angenehm. Die Tochter wandert an der Hand des Vaters durch den großen Raum. Ganz vorn bleiben sie stehen. Schauen nach oben und sehen das große Bild. Und sie fragt: „Papa, warum hängt der Mann da am Kreuz?

Und warum blutet er aus dem Bauch? Und die Füße und Hände! Das ist doch brutal.“

Der Vater stockt. Zwar ist er gut informiert und weiß, dass er in einer Kirche ist. Und dass am Kreuz nur einer hängt: Jesus, der Gekreuzigte. Aber die Tochter will ja nicht nur wissen, wer das dort ist. Sie fragt: „Warum?“ Und dem Vater wird es ein wenig mulmig, denn so ganz ist auch ihm nicht klar, warum Gott das nicht alles ein wenig anders hat lösen können, ein bisschen weniger brutal, ein wenig unblutiger. Warum musste der Sohn, dieser Jesus, sterben? Und so leiden?

Es ist Ärgernis bis hinein in unschuldige Ausflugstage, dass dieser Jesus am Kreuz hängt. Und dass er nicht anders gegangen ist, der Weg Gottes mit den Menschen.
Ja, schon als er dort hängt, der Gekreuzigte, geht es los, dass die einen schreiben können: „Der Juden König.“ Und die andern lesen wollen: „Er hat gesagt: Ich bin der Juden König.“

Wer ist er, der Mann am Kreuz?
Für die Christen der ersten Stunde war klar, dass er eines nicht war: gottlos. Auch wenn er selbst Gott ganz fern erlebte und schrie „mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, glaubten die Menschen, dass gerade in ihm, gerade in diesem Leid Gott ganz da war. Gott zeigte sich damit überraschend neu. Manch alte (und durchaus ganz gegenwärtige) Vorstellung von Gott wurde damit kritisiert. Nein, Gott ist nicht einer, der auf Wolke sieben schwebt. Gott ist nicht nur allmächtiger Regent, der fern ist und erhaben, anzubeten und zu verehren.
Gott lässt sich herab. Gott geht in die dunklen Winkel und tiefsten Löcher. Er ist schon mit Jesus dabei, als dieser sich den Niedergedrückten, den Ratlosen, den Hoffnungslosen zuwendet.

Und er ist gerade dann dabei, als auch Jesus selbst Gott nicht mehr wahrnimmt und sich ihm fern glaubt: am Kreuz. Es ist ein heruntergekommener Gott.

Er ist bei Jesus, er leidet mit ihm. Und er muss genau dies tun und da sein, weil er dieses Elend und den Tod, diese Geißel der Menschheit, überwinden will. Er ist da und genau da, weil er die menschliche Bosheit und Niedertracht, die Unvollkommenheit und Vorläufigkeit, die menschliche Selbstüberschätzung und unseren Zweckoptimismus kennt.

Und er weiß, dass daraus, dass aus uns selbst nichts wird, wir immer wieder und so oft aus vollem und ehrlichem Herzen das Gute wollen – und doch das Böse vollbringen, dessen Konsequenz die Gewalt ist, die Selbstdurchsetzung, all die Untaten, die Menschen zu tun fähig sind.

Ja, damit das Leben seine Stärke gegen den Tod durchsetzen kann, muss Gott genau da sein. An diesem Kreuz. An Karfreitag. Und im Augenblick des Todes zeigt der schöpferische Wille Gottes seine Kraft. Und das Leben wird siegen über diesen Tod. Darum musste dieser Jesus sterben.

Der Vater hat davon gehört. Aber wie der Tochter davon erzählen? Sie erinnert sich noch gut daran, wie sie vor einigen Tagen neben ihrer Freundin stand, die fürchterlich gestürzt war. Die Knie waren beide auf, bluteten. Sie hatte gedacht, die Beine seien gebrochen. Und sie stand daneben, zitterte am ganzen Leib – und wusste nicht mehr ein noch aus. Wo war Hilfe? Was konnte sie tun? Wie die Freundin trösten?

Daran erinnert ihr Vater sie. Und all die Gefühle von damals steigen wieder in ihr auf.
Und der Vater selbst denkt daran, wie seine Mutter gestorben ist, viel zu früh. Und wie es ihm den Boden unter den Füßen weggezogen hatte, er Tage und Wochen, ja monatelang nicht zurückfinden konnte in den zuversichtlichen Gang seines Alltags.

Und jetzt sagt er: „Du siehst, Gott ist auch dies alles nicht fremd. Er kennt uns und weiß, wie sehr wir Menschen auch schwach sind und manchmal nicht ein noch aus wissen. Und wir verzweifeln, wenn jemand weint vor Schmerz oder ein Mensch oder Tier stirbt.#

Aber genau dann ist er da: Gott. Nicht weit weg. Er ist dann da und kennt uns auch dann: unsere Ohnmacht, unsere Ratlosigkeit, dass wir nicht wissen, wo Hilfe ist. Und genau dann können wir uns an ihn wenden. Ihn darum bitten, dass er uns Kraft schenkt. Die er in Fülle hat – und die den Tod besiegt hat mit dem Leben. Deshalb hängt er dort am Kreuz. Jesus, der Sohn Gottes.“
Der heruntergekommene Gott.

Stadtjugendpfarrerin Astrid Stephan (Karsamstag, 22 Uhr, Osternacht in der Jugendkirche, Adolf-Todt-Straße 9): „Immer nur Feiern und Party machen – das hält kein Mensch durch. Im Gegenteil. Karfreitag als ein Tag der Trauer, des Scheiterns und der Stille erinnert daran, dass es auch schlimme und tieftraurige Momente im Leben gibt. Ich schätze diesen Ruhetag sehr und nutze ihn zum Nachdenken über mein Leben und über Gott. Diese stillen Momente sind selten in unserer modernen Welt. Einfach mal innehalten, einfach mal die Klappe halten und nachdenken kann eigentlich allen Menschen, auch Nicht-Christen, nur guttun.“

Margarete Geißler, Pfarrerin der Ringkirche (Karfreitag, 10 Uhr): „Karfreitag ist für mich der Tag, an dem wir den Blick dorthin richten, wo wir sonst lieber nicht hinschauen: auf den Tod, seine schreckliche Realität und unsere Ängste davor. Der Feiertag räumt den Gefühlen und Erlebnissen der Menschen, die mit Tod und Verlust umgehen müssen, einen Platz in der Gesellschaft ein. Eine Spaßgesellschaft kann die Realität des Todes zwar verdrängen, aber eben nur das. Irgendwann ist jeder damit konfrontiert. Die stillen Feiertage dienen der Psychohygiene. Sie geben Raum, sich damit auseinanderzusetzen und Orientierung zu suchen.“

Anne Claus, Pfarrerin der Lukaskirche (Karfreitag, 10 Uhr, Klagenfurter Ring 61): „Aus Sicht des Karfreitags ist es vorbei. Jesus ist gescheitert. Er und die Seinen hatten sich etwas vorgenommen und es nicht erreicht – mit Karfreitag ist plötzlich nichts mehr wie vorher. Solch ein Gefühl des Scheiterns kennen wir. Es muss aber nicht das Ende sein. Wir sehen Karfreitag aus der Sicht nach Ostern. Karfreitag und Ostern mögen Mut machen, der Angst vor einem möglichen Scheitern zu trotzen und selbst im erlebten Scheitern nicht aufzugeben. Auch das heißt Auferstehungshoffnung: Scheitern ertragen und weitergehen.“

Martin Fromme, Pfarrer in der Marktkirche und der Hoffnungsgemeinde Biebrich (Karfreitag, 10 Uhr, Marktkirche): „Karfreitag handelt vom Leid – und wie wir uns dazu verhalten. Da gibt es im Johannesevangelium die kaltschnäuzige Variante: Die Soldaten würfeln um den Mantel des Verurteilten. Aber es gibt auch Maria, die gerade ihren Sohn verliert und Jesu Freund, der sie zu sich nimmt. Jesus kann uns dazu bringen, mit einem anderen Menschen, der uns womöglich braucht, so etwas wie Verwandtschaft zu empfinden. Unsere Welt zeigt Beispiele für beides – und der Karfreitag fragt, wo wir stehen.“

Richard Birke, Pfarrer der Matthäuskirche (Karfreitag, 10 Uhr, Daimlerstraße 15): „Karfreitag bedeutet für mich, meine Grenzen zu erfahren. An diesem Tag geht es darum, mit allen Fragen und Zweifeln, mit aller Leere und Ohnmacht, die in mir ist, vor Gott kommen zu dürfen. Traurig sein zu dürfen, über das, was Menschen einander antun. Und über alles, was zerstört und gebrochen ist in dieser Welt. Darum bleibt unser Altar leer an diesem Tag. Keine Glocken, kein Halleluja. Es soll ein stiller Tag sein. Mit der Gemeinde halte ich am Kreuz aus. Halte aus, dass das Leid Jesu und das Leid dieser Welt einen Raum brauchen und eine Stunde.“


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