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„Das ganze Judentum in einer Stunde“

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Forum Triangelis besucht Synagoge

Wie sieht jüdisches Leben in Deutschland aus? Welche Feste werden gefeiert, welche Bräuche gepflegt? Die evangelische Gemeinde Triangelis im Rheingau hat gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden eine ungewöhnliche Veranstaltung konzipiert:

„Lehrhaus trifft Gemeindehaus – Begegnungen mit jüdischem Leben“ - so ist die Bildungsreihe überschrieben, die noch bis Ende des Jahres läuft.

Für die Jüdische Gemeinde ein echtes Novum, wie Steve Landau, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde und Leiter des jüdischen Lehrhauses, erklärt: „Zum ersten Mal macht die Jüdische Gemeinde in Wiesbaden solch eine Jahresveranstaltung gemeinsam mit einer evangelischen Gemeinde.“
Und auch die evangelische Pfarrerin Bianca Schamp ist glücklich über diese ungewöhnliche Kooperation: „Wir haben mit unserer Bildungsreihe Forum Triangelis zwar häufiger Jahresthemen, aber dass wir alle Themen und Referenten mit einer anderen Gemeinde, in diesem Fall der Jüdischen, planen und durchführen, ist auch für uns etwas Neues. Und ich bin sehr gespannt wie die Veranstaltungen angenommen werden.“

Zum zweiten Abend der achteiligen Reihe mit dem Thema „Jüdische Feste und Traditionen“ haben knapp 100 Menschen den Weg in die Wiesbadener Synagoge in der Friedrichstraße gefunden.

Rabbiner Jehoschua Ahrens, seit Anfang 2017 Gemeinderabbiner in Darmstadt und Beauftragter für Interreligiösen Dialog des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen, war als Referent geladen und hat die Besucher im Schnelldurchlauf zu den Wurzeln des Judentums geführt, die jüdische Glaubenspraxis erklärt und Feiertage und Bräuche aufgezeigt. „Das ganze Judentum in einer Stunde – das ist ne Herausforderung“, meinte Ahrens zu Beginn, meisterte diese aber mit Bravour.

In seinem kurzweiligen Vortrag zeigte er zunächst die drei Säulen auf, die das Judentum tragen und prägen: das jüdische Volk, der Staat Israel und die jüdische Religion. Anders als vielfach angenommen und von den Nazis propagiert, gibt es keine jüdische Rasse und keine jüdische Nationalität, so Ahrens: „Juden sind als Wertegemeinschaft, als Schicksalsgemeinschaft, miteinander verbunden. Und oftmals ist es mehr die nicht-jüdische Umwelt, die uns als Juden definiert.“

Die Synagoge, als Ort des Betens und der Gemeinschaft, ist ein Ersatz für den zerstörten Tempel in Jerusalem und ist deswegen in ihrer Gestaltung diesem Tempel nachempfunden. Weltweit sind Synagogen Richtung Jerusalem ausgerichtet. Meistens befindet sich der Thoraschrein deswegen auch an der Ostwand der Synagoge. Dieser enthält den Text der Thora. Jede Synagoge hat einen „Almemor“ mit einem Tisch, auf den die Thorarolle zum Vorlesen gelegt wird. Dieser Tisch ist das Herzstück der Synagoge und liegt eigentlich traditionell im Zentrum des Raums. In Wiesbaden steht er allerdings vorne – ähnlich wie in den christlichen Kirchen – eine Prägung der nicht-jüdischen Umwelt, vermutet Ahrens.

Männer und Frauen sitzen in der Wiesbadener Synagoge getrennt voneinander – das ist in allen orthodoxen Synagogen so üblich. Doch der Separatismus der Geschlechter sei kein Hinweis auf archaische Geschlechterrollen, so Ahrens: „Jüdisches Leben findet überwiegend in den Familien statt“, erklärt der Rabbiner, „und da bestimmt und führt die Frau.“ Darüber hinaus können Frauen etwa auch als Rabbiner ordiniert werden, und sie können Gemeinden vorstehen.

Die mehreren hundert Ge- und Verbote der Thora prägen und strukturieren das religiöse und alltägliche Leben der Juden. Unter die göttlichen Gebote fällt unter anderem das Gebot, den Sabbat (Samstag), den wöchentlichen Feiertag, zu heiligen.

Der wichtigste Feiertag des Jahres ist Jom Kippur (Versöhnungstag) im Herbst, an dem ausnahmsweise streng gefastet wird. „Es ist der einzige Feiertag, an dem wir fasten“ merkt Ahrens an. „Das ist sehr ungewöhnlich, weil wir sonst eigentlich immer essen.“ Im Frühjahr ist Pessach das wichtigste Fest. Zu Pessach gedenkt man des Auszugs der Israeliten aus Ägypten und hat während des eine Woche dauernden Festes besondere Speisevorschriften zu beachten.

Insgesamt sind die Speisegesetze – die Kaschrut-Regeln – ein wichtiges Element jüdischer Glaubenspraxis. Sie teilen das Essen in das koschere (das Reine) und das unkoschere.
Die Regeln sind aus dem Tierschutz entstanden, erklärt Ahrens. Ursprünglich sei es geboten vegan zu leben, denn Adam und Eva haben auch vegan gelebt. Will man aber dennoch Fleisch essen, dann sind die wesentlichen Regeln dabei einzuhalten: milchige und fleischige Lebensmittel streng voneinander trennen, nur Fleisch von wiederkäuenden Paarhufern essen, nur Fleisch von geschächteten Tieren essen und nur Fische mit Flossen und Schuppen essen, also keine Meeresfrüchte.

Für viele Besucher überraschend: In Deutschland hält sich der überwiegende Teil der Juden nicht an die Gebote, sondern lebt säkular: „Weiger als ein Prozent der deutschen Juden geht regelmäßig in die Synagoge, isst koscher und feiert den Sabbat“, weiß Ahrens. Dennoch sei den Menschen bei wichtigen Festen des Lebens die Religion als Teil ihrer Kultur wichtig. So wie es Christen gibt, die eben nur an Weihnachten und Ostern eine Kirche besuchen, so gibt es im Judentum die sogenannten „3-Tages-Juden“, erklärt der Rabbiner: „Das sind dann die, die nur zu den drei wichtigsten Feiertagen in die Synagoge kommen.“

Die nächste Veranstaltung des Forum Triangelis aus der Reihe „Lehrhaus trifft Gemeindehaus“ ist am 4. April, 19.30 Uhr, im Gemeindehaus in Erbach zum Thema: „Jüdisches Leben heute in Deutschland – Wirklichkeit und Konstruktion“. Referent ist Manfred Levy, Mitarbeiter des Jüdischen Museums Frankfurt und des Fritz Bauer Instituts. Alle Themen und Termine: www.triangelis.de


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