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„Alexa, lass uns beten“

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Volker Jung zum Gespräch im Heimathafen

Kann digitale Technologie dem Menschen wirklich dienen oder ist sie nur profitgesteuert? Und wenn wir Digitalisierung gestalten können, welche Rolle hat die Kirche dabei?

Darüber haben sich der hessen-nassauische Kirchenpräsident Dr. Volker Jung und Dominik Hofmann vom Wiesbadener Gründerzentrum Heimathafen unter dem Motto „Wie kommt Ethik in die Digitalisierung“ ausgetauscht.

Als „Digitalpraktiker“ waren Birgit Heilig, Standortleiterin des Frankfurter Gründerzentrums „Social Impact Lab“, und Daniel Nowack von Yunus Social Business als weitere Gesprächspartner dabei.

Die rund 50 Zuhörer*innen mussten im kuscheligen Wiesbadener Heimathafen eng zusammenrücken, was aber dem inhaltlich sehr dichten Abend keinen Abbruch tat – im Gegenteil: Die Themen, die in der mehr als zweistündigen Debatte angerissen wurden, reichten von autonomen Waffen über Robotik in der Altenpflege, Künstliche Intelligenz bis hin zum Wandel der Arbeitswelt.

Dass Kirche offen sei für digitale Technologie und Kommunikation machte Kirchenpräsident Jung gleich zu Beginn sehr deutlich und wies dabei auch die Kritik des ehemaligen Ratsvorsitzenden der Evangelische Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, Kirche beschäftige sich zu stark mit digitalen Themen, zurück. Von Anfang an die digitale Kommunikation als Falle oder „Twitterfalle“ zu bezeichnen, sei ein Irrweg, sagte Jung, denn soziales Leben fände heute auch in sozialen Netzwerken statt, und deswegen sind wir als Kirche dort auch mit Menschen verbunden.

Dennoch müsse man die Menschen mit ihren Erwartungen an Kirche und auch mit ihren Ängsten ernst nehmen, so Jung: „Viele sagen uns oft: ,Seid ihr doch bitte die Repräsentanten der analogen Welt‘.“ Das Experiment des Segensroboters, in dem mit einer sehr simplen Technik versucht wurde, Segen in eine digitale Sphäre zu bringen, habe zum Teil riesige Proteste ausgelöst, erzählte der Kirchenpräsident. Für Jung ist deswegen klar, dass es Aufgabe der Kirche, aber auch eines jeden Menschen sei, digitale und analoge Welt in einer klugen Balance zu halten und sie gut miteinander zu verbinden. Denn Digitalisierung aufzuhalten – da sind sich alle einig – geht nicht und zurückdrehen geht auch nicht.

Auf die Frage aus dem Publikum, ob denn die Aufforderung „Alexa, lass uns beten“ eines Tages möglich sei, sagte Jung: „Ja, das ist selbstverständlich möglich, aber es ist eben etwas Anderes als mit Menschen zu beten. Wir müssen uns immer wieder fragen, was macht Digitalisierung mit uns, was ist verträglich und was nicht? Und das beantwortet ein 15-Jähriger sicherlich auch anders als ein 70-Jähriger.“
Heimathafen-Gründer und „Digitalpraktiker“ Dominik Hofmann wünscht sich von Kirche, nicht nur die Debatten stärker zu gestalten, sondern auch die Digitalisierung selbst, mit eigenen Produkten und Plattformen, zu prägen.
Wie stark Digitalisierung vom Profitdenken gesteuert wird, und wie sehr sie in einer durchökonomisierten Welt überhaupt gestaltbar sei, fragten sich viele der Zuhörenden: „Es wird bei dem Thema immer nur sehr utilitaristisch nach dem Nutzen gefragt, aber ist es damit getan?“, so ein Zuhörer. Jemand anders merkte kritisch an, dass man – Stichwort Fake News und Hasskommentare – den Eindruck habe, dass Digitalisierung die Verführbarkeit des Menschen potenziere.

Ob überhaupt noch voneinander getrennte Welten – digital und analog – existieren und ob die Kirche dabei dann tatsächlich eher die analoge Welt repräsentiere, wurde den gesamten Abend über immer wieder neu verhandelt. Birgit Heilig brachte das Dilemma auf den Punkt: „Ist Gott denn nicht im Grunde eine sehr virtuelle Realität?“


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