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80 Jahre November-Pogrome

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Am 9. November jährt sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal. In Zeiten von Rechtspopulismus, ansteigendem Rechtsextremismus, vermehrten Übergriffen auf jüdische Mitbürger*innen und Menschen anderer Religion und Herkunft ist es vielen Kirchengemeinden ein Anliegen diesen Jahrestag zu begehen. So lädt die Heilandsgemeinde in Walluf (Schöne Aussicht 10) am Freitag, 9. November, 19 Uhr, zu der musikalischen Lesung "Genagelt ist meine Zunge an eine Sprache, die mich verflucht" ein.

Die Schauspielerin Lili Schwethelm (Theater mimikri) lädt ein zu einer Reise durch das Werk der jüdischen Dichterin Hilda Stern Cohen, die im Vogelsberg aufwuchs und in einer leidvollen Odyssee den Holocaust überlebte.
Schmerz, feine Ironie, tiefes Mitgefühl, leiser Sarkasmus und eine bewegende Freude über die Schönheit der Natur spiegeln sich in ihren Werken wieder.
Die Lesung wird von Georg Crostewitz an der Gitarre begleitet. Mit sensiblem Gespür lässt er seine Gitarrenmusik in die Verse hineinfließen. Costrewitzs Kompositionen sind melodische Landschaften, sanfte Klangbilder, Melodien des Mitgefühls und der Ermutigung. Einritt frei.

Gedenken am Standort der ehemaligen Synagoge

Die hessische Landeshauptstadt, die Jüdische Gemeinde Wiesbaden und die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Wiesbaden laden alle Bürgerinnen und Bürger ein, sich am Samstag, 10. November, 19 Uhr, auf dem Grundriss der Gedenkstätte an der Coulinstraße, dem Standort der ehemaligen Synagoge, zu versammeln, um an die Reichspogromnacht und die Zerstörung der Synagoge, die vor 80 Jahren durch die Nationalsozialisten in Brand gesetzt wurde, zu erinnern.

Stadtverordnetenvorsteherin Christa Gabriel wird für die Landeshauptstadt Wiesbaden und Dr. Jacob Gutmark für den Vorstand der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden sprechen. Umrahmt wird das Programm durch Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Geschichte der Carl-von-Ossietzky-Schule Wiesbaden, durch den Oberstufenkurs „Jüdische Religion“ der Diltheyschule Wiesbaden sowie durch Jugendliche des Jugendzentrums „Oz“ der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden. Anschließend werden symbolisch für die sechs Millionen Opfer der Schoah sechs Gedenkkerzen angezündet. Es folgen das Kaddisch, gesprochen von Dr. Jacob Gutmark und der Vortrag des Psalm 23 und des Gebets „El Male Rachamim“ durch Dr. Martin Pam von der Jüdischen Gemeinde Wiesbaden.

Bis heute ist die evangelische Kirche angesichts der Gewalt gegenüber Menschen jüdischen Glaubens „bis in die Grundfesten des Glaubens erschüttert“, sagt der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung. Die Tatsache, dass auch die evangelische Kirche bis auf wenige einzelne Stimmen zu den Gewaltexzessen am 9. November 1938 weitgehend geschwiegen hat, ist nach Ansicht Jungs „zutiefst schmerzhaft und belastend“. Die Kirchen hätten deshalb auch heute noch eine klare Verantwortung dafür, die Erinnerung an die grausamen Pogromnächte im November 1938 wachzuhalten. Es sei für ihn „unerträglich, dass nach all dem furchtbaren Leiden und der brutalen Gewalt heute in Deutschland wieder antisemitische Äußerungen und Angriffe auf Juden zunehmen“, betonte der Kirchenpräsident. „Hier in Deutschland bedrücken und alarmieren mich die jüngsten Fälle antisemitischer Gewalt und die Verunglimpfung von jüdischen Menschen“, so Jung. „Für die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau ist es zentraler Bestandteil christlichen Glaubens, Antisemitismus in allen seinen Formen entschieden entgegenzutreten.“ Judenfeindliche Ansichten, Vorurteile und Stereotype dürften weder in der Kirche, noch in der Gesellschaft oder der Politik toleriert werden, bekräftigte der Kirchenpräsident.

Erinnerungskultur bewahren

Die Kirchenleitung der EKHN widerspreche allen Versuchen, die notwendige Erinnerungskultur in Deutschland infrage zu stellen und die entsetzliche Gewalt der NS-Diktatur zu verharmlosen, sagte Jung. In den Schulen und den Kirchengemeinden müsse verdeutlicht werden, wie das Pogrom vom 9. November eine entscheidende Stufe auf dem Weg zu einer entfesselten Gewalt war, die schließlich zu dem millionenfachen Morden im Holocaust geführt habe. Hier gebe es „nichts zu verharmlosen und nichts zu verdrängen“. Angesichts der Pogrome am 9. November und der jahrhundertealten Judenfeindschaft gerade auch in den Kirchen, müssten alle Anstrengungen zur Vertiefung der christlich-jüdischen Verständigung und des jüdisch-christlichen Dialogs unterstützt werden, so Jung weiter. Die Aufgabe der Kirchen bestehe heute auch gerade darin, dass die jüdischen Gemeinden von Seiten ihrer christlichen Nachbarn „deutliche Zeichen der Solidarität erfahren“. (Foto: Esther Stosch)


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