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Von der Wahrheit

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Reformationsgottesdienst - Predigt im Wortlaut
Das 501. Jahr des Thesenanschlags von Martin Luther, der die Reformation und das Entstehen der evangelischen Kirche auslöste, hat das Evangelische Dekanat Wiesbaden traditionell in der Lutherkirche gefeiert. Mehrere hundert Gläubige sind der Einladung zu Gottesdienst und Festempfang gefolgt, darunter auch der katholische Stadtdekan Klaus Nebel, der den Gottesdienst mitgestaltete.

„Mit einem großen Jubiläum im Rücken feiern wir heute in ökumenischer Verbundenheit weiter“, so erklärte Präses Gabriele Schmidt zur Begrüßung und verwies auf das Zitat, das dem Gottesdienst thematisch vorangestellt war: „Aus Liebe zur Wahrheit und in dem Verlangen, sie an Licht zu bringen, soll in Wittenberg über die folgenden Sätze disputiert werden…“

Mit dem Eingangslied „Oh komm, du Geist der Wahrheit“ wurde die inhaltliche Richtung des Abends noch klarer. Dekan Dr. Martin Mencke setzte sich in seiner Predigt mit der Konjunktur des Begriffs „alternative Fakten“ und unserer Glaubenswahrheit auseinander.

Der Got­tes­dienst wur­de mu­si­ka­lisch vom Bach­chor un­ter der Lei­tung von Jörg En­de­brock ge­stal­tet, die Or­gel spiel­te Ma­nu­el Pschorn.

Martin Menckes Predigt zu Matthäus 10, 26b-33 am 31. Oktober 2018 im Wortlaut:

Liebe Gemeinde!
2 x 3 macht 4 -
widdewiddewitt und 3 macht 9e !
Ich mach' mir die Welt - widdewidde wie sie mir gefällt ...
Hey - Pippi Langstrumpf hollahi-hollaho-holla-hopsasa
Hey - Pippi Langstrumpf - die macht, was ihr gefällt.

Wer kennt sie nicht. Die mutige, die freche, die gute Pippi.
In wie vielen Kinderherzen hebt sie die Stimmung. Denn ihr gelingt Unmögliches. Und ihre Welt ist einfach wunderbar.
Astrid Lindgren hat sie uns in die Herzen gezeichnet.
2 x 3 macht 4
widdewiddewitt und 3 macht 9e ...

Nun, beide haben eine bemerkenswerte Frisur. Seine Haare stehen aber wirklich nicht so schön als Zöpfe zur Seite: Donald Trump.
Es war ein ungläubiges Entsetzen, als nach seiner Amtseinführung im Jahr 2017 sein Pressesprecher Sean Spicer behauptete, bei keiner Amtseinführung in der Geschichte der Vereinigten Staaten seien jemals so viele Menschen gewesen. Fotos schienen das klare Gegenteil dieser Behauptung zu beweisen.
Kellyanne Conway erfand dann im Interview als Verteidigung für den stark angegriffenen Spicer die wunderbare Formulierung "alternative facts", alternative Fakten. Der Reporter meinte sofort, "das gibt´s doch gar nicht: "Alternative Fakten sind keine Fakten. Es sind Unwahrheiten."

Seit dieser Posse vor einem nationalen und internationalen Publikum hat der Begriff der "alternativen Fakten" eine heimlich-unheimliche Konjunktur. Nicht dass andauernd wieder sog. "alternative Fakten" deutlich als solche verbreitet würden. Ja, den Terminus fürchtet man vielleicht eher. Aber zunächst wurde das Wort zum Unwort des Jahres 2017.
Und dann, ja dann begann in einer vielleicht lange nicht mehr dagewesenen Weise die Bestreitung von Fakten und von Tatsachen in allen möglichen und unmöglichen Feldern des gesellschaftlichen, des politischen, je vielleicht gar des wissenschaftlichen Lebens.
Und vielleicht beschreibt es den Zustand unserer Tage zutreffend, wenn wir sagen können: weite Teile von Diskursen in unserem Land haben sich sogar mehr und mehr gegen Tatsachen immunisiert. Eine eigentümliche Relativierung hat Raum gegriffen. Es werden Dinge behauptet, die leicht als falsch entlarvt werden können. Und wenn sie das werden, wird schlicht gesagt: das sei aber eben trotzdem anders. Weil es irgendwo stehe. Und der Gegenbeweis sei einfach falsch.

Falsche Tatsachen, unsinnige Behauptungen, alternative facts und fake news haben Teil an der unheimlichen Erosion eines tatsachenbasierten Diskurses. Und in der Unverschämtheit der Verwendung alternativer Fakten spiegelt sich vielleicht die Entwicklung der Moderne hin zur Postmoderne. Sie lehrte uns den Zerfall des Anspruchs auf die eine Wahrheit, lehrte uns die Multiperspektivität der Wirklichkeit und damit der Wahrheit. Viele Sichtweisen auf die Wirklichkeit sind möglich. Und viele Wahrheiten denkbar.

Jesus ist davon überzeugt, dass Wahrheit ans Licht kommen wird. "Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird."
Verborgen und offen, geheim - und zu wissen.
Jesus meint, dass die Wahrheit, die mit ihm kommt, auf die Straßen und Plätze gehört. Dass es gute Nachricht ist. Befreiung. Entschleierung. Aber dass sie noch nicht überall hör- und sichtbar ist.
"Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben."
Hier ist der Anspruch auf Wahrheit so formuliert, dass kein Weg an ihr vorbei kommt. Jesus selbst Weg und Wahrheit.
Und es hat den Christen schon immer zu schaffen gemacht, wie mit diesem absoluten Anspruch auf Wahrheit umzugehen ist.
Zunächst in der Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaften im 19. und dann 20. Jahrhundert. Wie Wahrheitsansprüche der Kosmologie und der Biologie sich mit dem Denken von Gott vereinbaren lassen. Oder ob es in unserem Kopf eine scharfe Trennlinie gibt. Jenseits von ihr reden wir von Kosmologie und Urknall und Evolution. Diesseits von Adam und Eva im Paradies und der Schöpfung in 7 Tagen.

Es hat Diskussionen gekostet, Gedankenentwicklung, Auseinandersetzung. In manchen Teilen der Welt, ja gar in manchen Teilen Europas geht diese Debatte weiter. Aber es sind ja Lösungen gefunden worden. Und Weitungen konnten damit stattfinden, z.B. der Sinn der Schöpfungsgeschichte neu und tiefer verstanden werden.

Und nicht wenige Wissenschaftler staunen je stärker, je mehr sie in die Geheimnisse der Natur vordringen und sie entschleiern, staunen und finden die Vorstellung eines Gottes nötiger denn je.
Aber auch mit dem nachbarschaftlichen Verhältnis zu anderen Religionen wurde es neu nötig, über die Wahrheit nachzudenken. Denn wenn Jahrhunderte die andere Glaubenswahrheit von Juden lediglich ausgegrenzt, abgewertet und dann verfolgt wurde, wurde in den letzten Jahrzehnten die Frage immer unausweichlicher, welche Wahrheit all die anderen, unsere neuen Nachbarn, eigentlich glauben - und leben. Überhaupt eine? Haben Sie einen anderen Gott? Oder eine andere Glaubenswahrheit? Was ist dann mit meinem "Weg, der Wahrheit und dem Leben"? Wie kann Jesus für die Sünden aller gestorben sein, wenn er das nach dem eigenen Bekenntnis von Muslimen und Juden ganz und gar nicht ist?

Tragen wir - tief im Kern unseres Glaubens - damit eine große Unsicherheit mit herum? Eine Frage, die an uns nagt? Was, wenn´s nicht wahr ist? Vielleicht die Vorstellung, dass doch ganz andere, alternative Fakten möglich sind? Andere Wahrheiten? Und sind wir vielleicht deshalb missionarisch sprachloser als andere Zeiten, weil wir der Wahrheit nicht mehr so sicher sind?

Schon klar: wir müssen unterscheiden zwischen Sätzen, die versuchen, der Wirklichkeit zu entsprechen und die schlicht wahr oder falsch sein können, denen sich die Wissenschaft zuwendet, die für Experimente offen sind und sich auf Beweise stützen können (die Wissenschaft und die Philosophie haben eine ganze Reihe von Wahrheitstheorien hervorgebracht) - und ganz anderen Sätzen, Sätzen, die einen anderen Rang haben.

Dass 2x3 nicht 4 ist, das lernen schon die Kinder. Dass aber 2 x 3 plus 3 9 ergibt, ist dann vielleicht eine befreiende Tatsache. Wir dürfen jedenfalls nicht vergessen, dass der Streit um Tatsachenwahrheit sich lohnt, dass es nicht angehen kann, dass Lügen und Unwahrheiten sich ausbreiten, unkommentiert oder unkorrigiert. Das ist die mühsame Arbeit des Belebens eines gemeinsamen Raumes, einer gemeinsamen Gesellschaft. Die Anerkenntnis, dass um Wahrheiten immer auch gestritten werden kann, dass dieser Streit aber lohnt und es auf die besseren Argumente oder Beweise ankommt.
Dass dieser Streit auch in der Politik ausgetragen wird, ist gut. Und hier gibt es keinen anderen Schiedsrichter als die Wählerinnen und Wähler. Das durften wir ja vor einigen Tagen gerade wieder erleben. Gott sei Dank, dass das in unserem Land so ist.

Das hatten wir schon schlechter. Aber auch wenn über die richtige Politik am Ende abgestimmt wird, gilt für Tatsachenbehauptungen eben gerade nicht, dass die Mehrheit über ihre Wahrheit abstimmt. Sie sind einfach wahr oder falsch.

Das ist aber bei der Wahrheit, die Jesus Christus ist, irgendwie anders.
Und deshalb ist der Predigttext wichtig. Und erhellend. Gerade auch im Streit um die Wahrheit.
Denn Jesus sagt nicht schlicht:
2 x 3 macht 4
Jesus kommt als Wahrheit. Als Lebenswahrheit. Als Existenzwahrheit. Als Wahrheit des Lebens.
Und sagt den Jüngern: es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird. Und nichts geheim, was man nicht wissen wird.
Es ist also eine Wahrheit im Kommen.
Eine, die nicht andemonstrierbar ist. Die ich nicht beweisen kann, die durch Leiden und Kreuz erkannt wird. Jesu Wahrheit kommt als alternative Sichtweise. Kommt aber als Weitung der Perspektive. Kommt als Einladung der Liebe - die durch das Leiden gegangen ist.

Schau, Du siehst Dein Leben bisher so, dass Du für alles letztlich verantwortlich bist. Plagst Dich damit, dass nicht alles so geht, wie es gehen sollte oder gehen könnte. Bleibst hinter Dir selbst zurück und fühlst Dich schlecht dabei, vielleicht gar schuldig. Und es will Dir nicht gelingen. Aber ändere doch vielleicht mal den Blick. Schau darauf, was Dir geschenkt ist. Lass Dich umarmen. Und nimm an, dass Dein Leben Dein Geschenk für Dich ist und für die Welt - und lebe es aus dieser Zusage. Frei, dankbar, fröhlich.

Ja, dieser Wahrheit kann widersprochen werden. Sie kann geleugnet, verneint werden. Sie ist strittig in unserer Welt. Aber diese Wahrheit ist kein Rätsel. Sie ist als Erweiterung der Wirklichkeit ein Angebot, ein Geheimnis. Eines, das offenbar ist. Denn es ist in Jesus offenbar geworden. In seinem Weg in die Niedrigkeit, ans Kreuz. Und macht seitdem seinen Weg in die Welt.
Wir wissen: dieses offenbare Geheimnis hat noch nicht die Runde gemacht. Ist noch nicht überall angekommen. Und erobert sich die Herzen nur langsam, Mensch für Mensch. Hat Jesus in der Finsternis gesagt und können wir im Licht sagen. Hat er uns ins Ohr gesagt und können wir auf den Dächern verkündigen (auf den Dächern, liebe Reformationsfestgemeinde, also raus an die Luft!), sodass alle es hören können.
Es ist ein Geheimnis, das uns Menschen in die Wahrheit bringt. Eine Wahrheit, die wir glauben und leben dürfen. Eine aber, die wir nicht andemonstrieren können. Die wir nicht beweisen können.
Eine existenzielle Wahrheit, von der wir nur zeugen können, die nur von uns ausstrahlen kann. Von der wir singen und sagen können. Aus der wir leben. Von der aus wir Liebe zur Wahrheit entwickeln, der Lüge Feind werden, die aber auf ihre Unabweisbarkeit wartet. Auf den jüngsten Tag.
Sie ist nicht zu verwechseln mit alternativen Fakten. Sie ist auch nicht zu verwechseln mit dem Absolutheitsanspruch einer Religion. Sie ist Wahrheit, die von ihrem eigenen Ursprung her garantiert wird - und nicht von uns zu garantieren ist.
Die Wahrheit des Evangeliums wird von uns geglaubt - und von Gott selbst garantiert.
Wir tun gut, das nicht zu verwechseln.
Wir tun gut daran, das nicht zu vergessen. Denn die Wahrheit Gottes bleibt nur durch ihn zu bewahrheiten. Und insofern ist und bleibt sie eschatologisch entsichert. Was wäre das auch für eine Wahrheit, die sich darauf verlassen müsste, von uns verfochten und behauptet und (vor allem!) durchgesetzt zu werden.

Gottes Wahrheit ist im Kommen.
Sein Geheimnis ist offenbar - in die Niedrigkeit des Kreuzes.
Lassen wir uns davon ergreifen. Und halten und tragen.
Und gehen so gehalten und getragen unsere Wege in unserer Welt.
Fröhlich.
Amen
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


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