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Großes Interesse am Wahlpodium

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Faire und sachliche Debatte

Den ersten kräftigen Beifall gibt es nach einer knappen halben Stunde: Dr. Ewald Hetrodt, der am Montag (24. September) das Wahlpodium der Kirchen im Wiesbadener Roncalli-Haus moderiert, spricht den Fraktionsgeschäftsführer der Wiesbadener AFD, Robert Lambrou, auf den Facebook-Post der AFD Kreistagsfraktion Hochtaunus an.

Darin war den Medien unverhohlen gedroht worden, was bundesweit für Empörung gesorgt hatte. Warum sei der dafür Verantwortliche immer noch im Amt? Die AFD habe sich bereits „aufs Schärfste distanziert“, entgegnet der AFD-Politiker und verweist auf nicht näher definierte „Maßnahmen und Konsequenzen“. „Das nehmen wir so hin“, sagt Hetrodt, Landtagskorrespondent der FAZ – nicht zum ersten und zum letzten Mal an diesem Abend.

Schwungvoller und diskursiver Abend

Der Roncalli-Saal ist mit rund 200 Teilnehmern bis auf den letzten Platz gefüllt, als Stadtdekan Klaus Nebel im Namen der Veranstalter, der katholischen und der evangelischen Kirche in Wiesbaden, „einen schwungvollen und diskursiven Abend“ ankündigt. Sein Wunsch, dass die Diskussion fair und sachlich geführt werde, erfüllt sich, nicht zuletzt dank der „messerscharfen Moderation“, für die sich später der evangelische Dekan Dr. Martin Mencke bedanken wird. Für den Start in den Abend hat Hetrodt einen sehr persönlichen Ansatz gewählt: In einer Vorstellungsrunde gibt er den sechs Politikern auf dem Podium viel Zeit, von ihrem beruflichen und politischen Werdegang und ihrem Verhältnis zur Landeshauptstadt zu erzählen.

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Weil Politik Spaß macht

Nach den Eigenheiten des Wiesbadener Menschenschlags gefragt, nutzt Kultusminister Prof. Ralph Alexander Lorz (CDU) gerne die Gelegenheit zu einem kleinen Loblied auf Wiesbaden. Die Menschen seien offen und leutselig, die Gegend so schön wie die Stadt selbst. Hier lasse es sich gut leben, lautet sein Resümee, dem sich die anderen Neu- und Alt-Wiesbadener mit Überzeugung anschließen. Auch auf die beharrliche Nachfrage des Moderators nach der Motivation für ihr zeitaufwändiges Engagement antworten alle sechs mehr oder weniger unisono mit: „Weil Politik Spaß macht“, so Dorothée Andes-Müller (Bündnis 90/Die Grünen). Zu ihrer Partei gekommen durch die klassischen Themen „Atomkraft“ und „Gleichberechtigung“ weist sie die Anmerkung von Hetrodt, diese Probleme hätten sich doch erledigt, entschieden zurück.

Gottesbezug - ja oder nein

Wenn am 28. Oktober im Rahmen der Wahl auch über 15 mögliche Verfassungsänderungen abgestimmt wird, ist die Frage nach der Aufnahme eines Gottesbezugs nicht dabei. Für Kim Abraham (Die Linke), die sich für die Trennung von Kirche und Staat ausspricht, ist ein solcher Gottesbezug ebenso wenig notwendig wie für Christian Diers (FDP) und Patricia Eck (SPD). Die Grünen-Politikerin hätte „kein Problem damit gehabt“, Lorz wäre ebenso dafür gewesen wie Lambrou, der zwar selbst aus der Kirche ausgetreten ist, den Gottesbezug aber als Verweis „auf die Wurzeln von Deutschland“ begrüßt hätte.

Lehrermangel und Schulportal

Wenig Gelegenheit zum Streit ist rund um Bildung und Schulpolitik. Den auf dem Podium gesammelten Mängelanzeigen – vom Lehrermangel über Stundenausfall und Nachmittagsbetreuung bis hin zu maroden Schulgebäuden – setzt der Kultusminister, zum Adressat dieser Anfragen bestimmt, Erfolgsmeldungen zur Zahl der Lehrkräfte - "Lehrer sind genug da, es geht immer um Vertretungsregeln" -, Investitionen zur Qualitätssicherung und das neue „Schulportal“ entgegen, das den Unterricht digital unterstützen soll. Den dringenden Bedarf an Ganztagsschulen, den Patricia Eck anspricht, bezweifelt er: Zum Ausbau von Ganztagsschulen läge derzeit kein einziger Antrag vor, sagt Lorz.

Wie die Kandidaten wohnen

Beim heißen Eisen Wohnungspolitik macht der Moderator die privaten Wohnverhältnisse der Podiumsteilnehmer zum Ausgangspunkt. In Biebrich ist die Politikerdichte relativ groß, die Kandidaten wohnen selbst nicht auf ganz großem Fuß und die Höhe der Mietpreise erschwert auch ihnen die Wohnungssuche: Drei Erkenntnisse, die ddas interessierte Publikum mit nach Hause nehmen kann. Kim Abraham, die in einer Wohngemeinschaft mit einer Physiotherapeutin lebt – „mit dem Beruf verdient man nicht genug, um in Wiesbaden allein wohnen zu können“ – fordert vehement den Ausbau von tausenden von Sozialwohnungen und erklärt, Wohnen gehöre in die öffentliche Hand, damit es genug bezahlbaren Wohnraum gebe. Bei der Diskussion zur Verkehrspolitik ist die „City-Bahn“ zum Erstaunen des Moderators kein großes Thema, dafür wird eine komplette „Verkehrswende“ mitsamt dem dringend nötigen Ausbau von Fahrradwegen auf die Agenda gesetzt. Mit einem deutlichen Bekenntnis zum Diesel – „ist super“ - überrascht der AFD-Politiker Podium und Publikum.

Der Rechtsruck ist das Problem

Wie sich die beiden Parteien am linken und am rechten Spektrum von jeweiligen extremistischen Strömungen abgrenzten, ist weder für Abraham noch für Lambrou eine ernsthafte Frage. Der AFD-Mann, ehemals Sozialdemokrat, hat nach seinem eigenen Empfinden seine politische Position nicht wirklich verändert. Die CDU sei so weit nach links gerückt, dass es rechts davon nur noch die AFD gebe. Die Linken-Politikerin lehnt nach ihren Worten Gewalt ab, versteht Antifaschismus aber nicht als Extremismus. Für ihre Aussage „Wir haben ein Problem mit einem Rechtsruck in unserer Gesellschaft“ gibt es noch einmal Applaus aus dem Publikum, dem Dekan Mencke noch ein energisches „Gehen Sie wählen“ mit auf den Heimweg gibt.

Text und Fotos: Barbara Reichwein/Bistum Limburg


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