Start
Raus aus der Kirche mitten ins Leben

alt

Dotzheimer Gotteshaus feiert 300. Geburtstag auf der Kerb
Den Wetterhahn der evangelischen Kirche Dotzheim mal aus nächster Nähe zu sehen – das macht der Jubiläumsfilm von Norbert Fuhrmann und René Hirschfeld möglich.

Wenn die Kirche im Heimatort ein so prägnantes Jubiläum feiert, dann ist so ein Geschenk etwas ganz Besonderes, was die Reaktion der Dotzheimer Gemeinde nach dem Gottesdienst beweist.

Der Film war aber nur einer der Programmpunkte, den sich der Dotzheimer Pfarrer Peter Harigel-Poralla und sein Team zum 300. Jubiläum der evangelischen Kirche vorgenommen hatten.

Mit einem Jubiläumsgottesdienst, bei dem die Nord-Nassauer Pröpstin Annegret Puttkammer – ehemalige Dotzheimer Pfarrerin – die Predigt hielt, mit der Vorstellung einer aufwendig gestalteten Chronikbroschüre und der Eröffnung einer historischen Ausstellung ging es los, am Nachmittag gestalteten Ensembles der Gemeinde und der freundschaftlich verbundene Turnverein noch ein Programm mit Musik und Tanz – mitten auf der Kerb, die ja ursprünglich das Kirchweihfest war.

Die Tänzerinnen präsentierten dabei einen Tanz zu Kirchenliedern von Paul Gerhardt und Martin Luther – außergewöhnliche Interpretation klassischer Kirchenmusik. „Denn wir wollen auch aus der Kirche rausgehen mitten ins Leben“, sagte der Pfarrer.

Zum Gottesdienst hatte er außer Pröpstin Puttkammer noch weitere Vorgänger, nämlich seine Ehefrau Sabine Poralla – jetzt in der Auferstehungsgemeinde tätig – und Andreas Mann, mittlerweile Notfallseelsorger der EKHN, eingeladen. Gemeinsam feierte man in der voll besetzten Kirche das Jubiläum, unterstützt von den beiden Dotzheimer Chören „Arion“ und „Volkschor“ sowie dem kleinen Flötenkreis, den Organistin Vibeke Nett leitet.

Pfarrer Mann würdigte das Gotteshaus als „einen Ort persönlicher Stille und einen Ort, um die Feste des Lebens zu feiern“. Pröpstin Puttkammer zitierte die Losung des Tages, die zufällig sehr gut zum Thema passte: „Mein Haus wird ein Bethaus heißen für alle Völker“. In ihrer Predigt hielt sie Rückschau auf die vorausgegangenen Jubiläen, die alle in bewegten Zeiten stattfanden: Als die Kirche 1718 erbaut wurde, litt Dotzheim wie die gesamte Region noch immer unter den Nachwirkungen des Dreißigjährigen Krieges. „Es muss ein wunderbarer Tag für Dotzheim gewesen sein, als diese Kirche eingeweiht wurde: Endlich wieder Glockengeläut, endlich Normalität“.

1818 bestimmten andere Revolutionen und Kriegsfeldzüge das Bild der Zeit, 1918 war das Jubiläum noch immer in Kriegszeiten – im Ersten Weltkrieg. „Die Mauern könnten von vielen Wünschen und Gebete um Frieden erzählen“, sagte die Pröpstin. Dass man das heutige Jubiläum in einer Zeit feiern könne, in der es seit Jahrzehnten keinen Krieg in Deutschland gegeben habe, mache demütig und dankbar. „Was für ein Segen. Frieden ist das höchste Gut und jeden Preis wert.“

Puttkammer wagte aber auch einen Ausblick auf das Jahr 2118, wenn die Dotzheimer Kirche 400 Jahre alt sein wird. Bis dahin möge die Gemeinde Offenheit, Freundlichkeit und Geduld leben: „Veränderungen sind normal“, sagte die Pröpstin und verdeutlichte das an einem Beispiel: „Vielleicht wird sich ein Dotzheimer Kind später daran erinnern, wie sein Großvater 2018 aus Afghanistan nach Deutschland kam.“

Gratulanten waren Vertreter der Nachbargemeinden und des Förderkreises der Gemeinde sowie Manfred Ernst, der den Ökumenischen Arbeitskreis Dotzheim ins Leben gerufen hatte. „In Dotzheim lebt die Ökumene“, sagte er, das sei aber nicht immer so gewesen.

Erst beim 850. Jubiläum des Ortes 1978 habe es den ersten ökumenischen Gottesdienst gegeben. Nun feiere man alle zwei Jahre den großen ökumenischen Kirchentag. Die Kirche sei die „Mutterkirche“ aller Dotzheimer Kirchen: Zahlreiche evangelische Ausgründungen und mehrere katholische Kirchen gibt es mittlerweile im zweitgrößten Vorort Wiesbadens. „Diese Kirche ist ein Kleinod in unserem schönen Dotzheim“.

Zudem eröffnete Heimatforscher Bernd Blaudow eine kleine, von ihm zusammengestellte Ausstellung mit historischen Fotos, Dokumenten und Gegenständen, die bis zum 9. September in der Kirche in drei Vitrinen zu sehen ist.

Hier kann man auch sehen, wie zum Neubau vor Jahrhunderten schon das, was heute „Fundraising“ heißt, praktiziert wurde: Bis nach Ostfriesland gelangten Spendenaufrufe, und immerhin 194 Gulden – rund ein Zehntel der Bausumme – hatten die Bemühungen der Vorfahren erbracht. Zur Erinnerung erhielten alle Gottesdienstbesucher einen Kühlschrankmagneten: „300 Jahre Dotzheimer Kirche – ich war dabei!“

Text und Foto: Anja Baumgart-Pietsch


rssfeed
Email Drucken Favoriten Twitter Facebook googleWebSzenario
 
Joomla templates by a4joomla