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Gegen die Trägheit der Volkskirche

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Stadtkirchenpfarrer Jeffrey Myers geht in den Ruhestand
Jeffrey Myers fühlt sich als Amerikaner, nicht als Deutscher. Doch im internationalen Herz Frankfurts war der Pfarrer für die evangelische Kirche genau am richtigen Platz. Seine ideenreichen Anstöße haben weite Kreise gezogen. Zahlreiche originelle Aktionen machten ihn in Frankfurt und Wiesbaden bekannt, Ende dieses Monats geht er offiziell in den Ruhestand: der Stadtkirchenpfarrer Jeffrey Myers (65).

Der US-Amerikaner, der vor seinem Theologiestudium Englische Literatur studierte und eine Banklehre machte, kam nach Hessen wegen seiner Frau Andrea Braunberger-Myers, die Pfarrerin in der Frankfurter City ist. Deutsch spricht er mit breitem amerikanischem Akzent, dabei gestikuliert und lacht er viel.

Als persönliches Vorbild nennt der in Wichita im US-Bundesstaat Kansas geborene Theologe den Pfarrer und Bürgerrechtler Martin Luther King. „Ich bin nicht so mutig“, sagt Myers, „aber ich versuche, auch menschennah zu predigen.“ So veranstaltete er zum Welttag der Suizidprävention (10. September) in der Alten Nikolaikirche am Frankfurter Römer die Aktion „11.000 Lichter für das Leben“. Jeder Teilnehmer sollte zum Gedenken an die deutschen Suizidtoten des Jahres Kerzen mitbringen. Der Aufruf fand ein starkes Echo. „Die Kirche verwandelte sich in ein einziges Lichtermeer“, erinnert sich Myers.

Der Pfarrer begann seine Ansprache, indem er vom Suizid seines eigenen Großvaters erzählte. Hinterher hätten sich viele Angehörige, die sich wegen einer Selbsttötung schämten und mitschuldig fühlten, für den Trost bedankt. Myers ist ein offenes Ohr auch für aktuelle Nöte wichtig.

Als Reaktion auf die Bankenkrise ab 2008 und die Sorgen um Arbeitsplätze stellte er einen „Kummer-Krug“ in der Alten Nikolaikirche auf. „Sammle meine Tränen in deinen Krug“, heißt es im Psalm 56,9. Besucher waren eingeladen, in eine Tonvase Zettel mit ihren Sorgen und Bitten einzuwerfen. „Das hatte eine unglaubliche Resonanz“, erinnert sich der Pfarrer. Selbst in die Talkshow „Hart aber fair“ sei er eingeladen worden, habe aber abgelehnt. Die Zettel aus dem „Kummer-Krug“ brachte Myers in Gebete und Gottesdienste ein.

Stadtkirchenarbeit solle das biblische Konzept von Gastfreundschaft verwirklichen, erläutert der Theologe. Ein freundliches Wort für einen Fremden, ein Glas Wasser für einen erschöpften Touristen, ein Paar Strümpfe für einen Obdachlosen. Die Kirche in der City solle „Erste Hilfe für die Seele“ leisten, erklärt Myers. Menschen könnten im Kirchraum Ruhe und Stille finden oder einen Mitarbeiter bereit zum persönlichen Gespräch.

Auch nach 30 Jahren Dienst in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) äußert der Pfarrer sich kritisch zur deutschen Volkskirche: „Die Struktur sorgt für Trägheit.“ Von außen als kopflastige Verwaltung wahrgenommen, konzentriere sie sich auf die Pfarrer und lade nur die wenigsten Mitglieder zur Mitarbeit ein.

„Ich kann die Gespräche über Strukturen nicht mehr hören“, stöhnt Myers. „Das ist wie das Hin- und Herschieben von Möbeln auf einem sinkenden Schiff.“ Die deutsche Verwaltungskirche ordne auch einen Ruhestand mit 65 Jahren an. Es sei ihm fremd, sich als Beamten zu begreifen, sagt der Pfarrer. „Mir geht’s blendend. Ich hätte gerne länger gearbeitet.“

Nächstes Jahr zieht Myers mit seiner Frau in die neue Frankfurter Altstadt. Im Ruhestand ist er weiter im Vorstand des Lutherweg-Vereins aktiv, führt seine historischen Rundgänge auf den Spuren des Reformators durch Frankfurt und denkt an Buchprojekte. Als ehemaliger Bergsteiger in Colorado will Myers eine „Theologie der Berge“ schreiben. Und sicherlich wird er seinen breiten E-Mail-Verteiler weiterhin mit historischen Anekdoten überraschen, auf die sonst kein Mensch gekommen wäre.

Für die Kirche der Zukunft hat Myers die USA vor Augen. Dort gebe es eine größere Dynamik, erzählt er. Mitglieder würden aktiver angesprochen und Kirchen brächten sich stärker ein. Aktuell habe die Dinner-Church-Bewegung starken Zulauf. Dort stehe ein gemeinsames Essen im Mittelpunkt, in das Gespräche, Bibellesung, Gebete und Lieder integriert würden.

Aber auch für Deutschland erwartet der Pfarrer, der zuletzt für die EKHN das 500. Reformationsjubiläum mit vorbereitete und in der Öffentlichkeitsarbeit tätig war, einen Aufbruch. „Ich bin hoffnungsvoll, dass wir am Rand einer neuen Reformation stehen“, sagt er. Wie vor 500 Jahren die Medienrevolution des Buchdrucks, so werde heute die digitale Revolution eine neue Form von Kirche hervorbringen. Die Unruhe des Umbruchs sei eine kreative. „Wir Amerikaner sind immer optimistisch“, sagt Myers. „Ich wünsche uns auch in Deutschland viel mehr Mut.“

Autor: Jens Bayer-Gimm; Quelle: epd; Foto: EKHN/Bongard


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