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„Menschen zu kategorisieren ist ein Ausdruck von Macht“

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Professorin spricht über Rassismus und Unterdrückung

Dass Rassismus in all seinen Ausprägungen bei weitem kein amerikanisches Problem ist, hat Dr. Astrid Franke, Professorin für Amerikanistik an der Uni Tübingen, in einem spannenden Vortrag im Haus an der Marktkirche festgestellt.

Anlässlich des 50. Todestages von Martin Luther King haben die Evangelische Stadtakademie in Wiesbaden, Pfarrerin Rosalind Gnatts "English Community Outreach Project" und die Lutherkirchengemeinde eine Veranstaltungsreihe organisiert, in der sie den Bürgerrechtler Martin Luther King in den Mittelpunkt rückten, aber auch die Mechanismen von Rassismus aufzeigten.

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Es gehe es keinesfalls nur um Amerika, sagt Ruth Huppert, Leiterin der Evangelischen Stadtakademie, und gibt gleich die Marschrichtung vor: „Ein Gedenken an Martin Luther King muss auch die Frage einbeziehen: Was kann das für uns hier und heute bedeuten?“

Eine ideale Referentin, um sich dieser Frage zu widmen, ist die Amerikanistik-Professorin Astrid Franke von der Universität Tübingen. „Wir sehen in den öffentlichen Debatten über Ereignisse in den USA viel zu selten Parallelen und noch seltener sprechen wir über gleiche oder ähnliche Muster, die zu bestimmten Ereignissen führen“, erklärt die Professorin zu Beginn ihres Vortrags.

Ihrer Einschätzung nach ist die Kategorisierung von Menschen, wenn sie mit Wertungen einhergeht, immer ein Ausdruck von Machtverhältnissen. Dabei sei die Art der Kategorisierung egal, ihre Funktion liege immer in der Legitimation der Machtverhältnisse. „Rasse, Religion, Nationalität, sexuelle Orientierung - die Begriffe beziehen sich auf Merkmale, die gar nicht ursächlich für Diskriminierung sind, sondern nur ihrer Legitimation dienen.“

Es ist nach Ansicht von Astrid Franke also vollkommen egal, ob wir etwa von Flüchtlingen, Afrikanern, Migranten, Homosexuellen oder Juden sprechen – schon in der Kategorisierung liege die Diskriminierung. „Wir diskriminieren Menschen nicht, weil sie anders sind, sondern wir nennen sie anders, weil wir sie diskriminieren“, so die Wissenschaftlerin.


Um ihre These zu stützen, stellt sie eine Studie von 1965 vor, in der zwei Gruppen innerhalb einer Kleinstadt gebildet wurden, die sich durch nichts unterschieden, außer, dass die einen schon länger in der Stadt lebten als die anderen.

Gruppe A besetzt alle wichtigen sozialen und politischen Positionen und hält sich dafür auch besser geeignet. Gruppe B gilt als roh, ungehobelt und faul und scheint diese Merkmale auch mit der Zeit hinzunehmen. Die Kinder der beiden Gruppen dürfen nicht miteinander spielen.

Die Soziologen der Studie beobachteten also ein idealisierendes Selbstbild und ein diffamierendes Fremdbild, obwohl sich die Mitglieder beider Gruppen durch nichts unterschieden. Selbst- wie Fremdbild werden erzeugt, indem in beiden Gruppen immer nur die besonders typischen Beispiele hervorgehoben werden. Die pars-pro-toto-Verzerrung erlaubt es also beiden Gruppen immer wieder einen Beweis für ihre jeweiligen Zuschreibungen zu haben.

Die Beziehung zwischen den beiden Gruppen – hier A und B – ist auf viele alltägliche Formen von Unterdrückung übertragbar, meint Astrid Franke. Übertragbar seien auch die Strategien, mit denen unterdrückt wird und versucht wird, sich dagegen zu wehren.

Mit der Bestimmung von Machtverhältnissen, was für Franke der wesentliche Grund von Diskriminierung ist, wird auch eine wirtschaftliche Ungleichheit zementiert. Und damit schlägt Franke dann auch wieder einen direkten Bogen zu Martin Luther King, der den Kampf gegen Rassismus mit dem Kampf gegen Armut, Krieg und Kolonialismus verband.

Franke: „Dass Rassismus die wirtschaftlichen Verhältnisse stabilisiert, von denen einige profitieren, hat Martin Luther King schon früh verstanden. Das zeigte sich etwa darin, dass er Menschen zur ‚Poor People's Campaign‘ mobilisierte .“


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