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Innere Gefühlswelt wird zum Kunstwerk

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Der Wolf hat ein geflecktes Fell, er wirkt zahm, kein bisschen bedrohlich. Trittsicher steht er da, auf einem großen Felsen. Über ihm hängt ein großer goldgelber Halbmond. Es sieht fast so aus, als würde der Wolf den Mond anheulen. Die Farben – das Blau der Nacht und das Gelb des Mondes – leuchten, sie wirken ausdrucksstark. Man merkt, die Künstlerin traut sich etwas mit diesen Farben, will sich nicht verstecken. Das Kunstwerk trägt schlicht den Titel „Der Wolf“.

Es ist eines von mehreren Bildern und Objekten, die derzeit im Kirchenfenster Schwalbe 6 ausgestellt sind. Das Besondere an dieser Ausstellung: Die Künstlerinnen sind Mütter aus der betreuten Wohngemeinschaft (WG) für Mutter, Vater und Kind des Diakonischen Werks Wiesbaden. Sie leben dort, weil sie in ihrem Alltag mit Kind nicht mehr zurechtkamen. Oft sind die Partnerschaften zerrüttet, manchmal gibt es psychische Probleme, oft stecken die Frauen mit ihren Kindern in wirtschaftlich prekären Lebenssituationen. Damit sie wieder lernen, auf eigenen Füßen zu stehen, und ihre Kinder selbständig zu versorgen, leben sie eine Zeit lang begleitet. Ziel ist es dabei immer, die Frauen und auch Väter wieder in ein selbstständiges, eigenverantwortliches Leben zu entlassen.
Ein Teil dieser pädagogischen Arbeit ist das Kunstprojekt, das vom Förderverein der Wohngemeinschaft finanziert wurde. Die Künstlerin Ulrike Lange von den Wiesbadener Kunstwerkern hat mit den Frauen mehrere Wochen gearbeitet. Ein Thema gab es dabei nicht. Die Mütter haben, so erzählt es Ulrike Lange, oft ihre Gefühlswelt, auch krisenhafte Situationen, in ihren Bildern verarbeitet. Entstanden sind beeindruckende Werke.
So ist das Bild „Der Vertrauensbruch“ etwa an einem Abend gemalt worden als es einen Vorfall mit dem Partner der Künstlerin gab. Entstanden ist ein abstraktes Bild, auf dem die Farbe Rot dominiert. Die Formen wechseln: runde Tupfer, vertikale und horizontale Linien und Striche, oft wild durcheinander. „In diesem Bild stecken die Emotionen Enttäuschung, Wut und Hass“, schreibt die Künstlerin selbst dazu.
Auch die 29-jährige Jacqueline, die den „Wolf“ gemalt hat, hat viel hinter sich. Zwei ihrer drei Kinder leben in Pflegefamilien, mit der jüngsten Tochter, der einjährigen Mia, will sie jetzt einen Neuanfang schaffen: Sie hat mit ihrem Mann schon eine Wohnung gefunden, bald wird sie aus der betreuten Wohngemeinschaft ausziehen. Der Wolf auf dem Bild symbolisiert für sie Mut und Stärke: „Beides fehlte mir früher, ich hab mich schnell beeinflussen lassen, hab immer auf andere gehört“, erzählt sie. „Jetzt ist das anders. Ich bin stärker geworden, habe Mut, zu meiner Meinung zu stehen.“

Hintergrund:
Die Wohngemeinschaft für Mutter, Vater und Kind in der Kapellenstraße wird vom Diakonischen Werk Wiesbaden getragen. Platz ist für bis zu zwölf Bewohner und Bewohnerinnen: schwangere Frauen, Mütter und auch Väter mit ihren Kindern. Sie werden intensiv beraten und begleitet. Ziel ist es, ihre Eigenständigkeit zu fördern und zu stabilisieren, damit sie wieder selbständig mit ihren Kindern leben können. Leiterin der Einrichtung ist die Sozialpädagogin Bettina Stadermann.
Den Förderverein der Einrichtung gibt es seit fünf Jahren, gefördert werden etwa Angebote wie Näh-, Klavier oder Kunstkurse. Informationen und Kontakt: Vorsitzende Dr. Doris Jentsch, Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. und https://www.facebook.com/FordervereinWgMutterKindWiesbaden.
Informationen und Kontakt zur Wohngemeinschaft: www.dwwi.de

Die Ausstellung in der Schwalbe 6 (Schwalbacher Straße 6) ist bis zum 11. Mai zu sehen zu folgenden Öffnungszeiten: Montag 10 bis 16 Uhr, Dienstag bis Donnerstag 10 bis 18 Uhr, Freitag 10 bis 13 Uhr. Infos: www.schwalbe6.de.


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