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Sozialpfarrer Christian Fischer verabschiedet sich in den Ruhestand PDF Drucken E-Mail

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18 Jahre hatte er die gesellschaftliche Verantwortung im Blick

Zahlreiche Kolleginnen und Kollegen hat er kommen und gehen sehen, einen neuen Zuschnitt des Dekanats hat er mitgestaltet und mehrere Umzüge seines Büros innerhalb der Stadt erlebt: 18 Jahre lang war Dr. Christian Fischer in Wiesbaden Pfarrer – nicht einer Gemeinde, sondern auf einer sogenannten Funktionsstelle, die sich dem Arbeitsbereich „Gesellschaftliche Verantwortung“ widmet. Jetzt geht der 63-jährige Sozialpfarrer in den Ruhestand.

Dass das Wort Sozialpfarramt kirchenintern gar nicht mehr genutzt wird, hat ihn nie gestört, bis zuletzt stand es in seiner E-Mail-Signatur. Sozialkritisch, nah bei den Schwachen der Gesellschaft, den „kleinen Leuten“ – so hat er seinen Dienst auch immer verstanden.
Als Christian Fischer 1998 nach Wiesbaden kommt, soll er sich dafür einsetzen, dass evangelische Kirche in der Stadt gesellschaftliche Verantwortung übernimmt. Einer der Schwerpunkte war die Vernetzung mit der Arbeitswelt. An seiner Seite als Sozialsekretär war bis 2005 Wolfgang Stasche, der jetzige Kreisvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt. Betriebsseelsorge gehörte zu Fischers Aufgaben, Netzwerke mit Gewerkschaften und Betriebsräten sollten geknüpft und Arbeitnehmer bei der Durchsetzung besserer Arbeitsbedingungen unterstützt werden.

Aktionen zum Buß- und Bettag

Bis heute findet traditionell eine der elf Wiesbadener Pfarrkonferenzen in einem Betrieb statt – ein Erbe von Fischers guten Kontakten zu Betrieben und Institutionen.

Lange Zeit gehörten auch sozialkritische Aktionen zum Buß- und Bettag fest zum Wiesbadener Jahresplan: „Verkauft das Wochenende nicht!“, „Wer verdient wie viel?“ oder „Das soziale Netz zerreißt“ – so hießen die öffentlich wirksamen Kampagnen, die nicht nur die Christen in Wiesbaden, sondern die gesamte Stadtbevölkerung politisch mobilisieren sollten.

Sich für kirchenferne Millieus öffnen

Sich als Kirche auch für kirchenferne Milieus öffnen, zu den einfachen Menschen hingehen, Kooperationen auch mit säkularen Organisationen eingehen – das hat Christian Fischer wie kaum ein Anderer beherrscht. Aus diesem Verständnis heraus sind auch die „Wiesbadener Begegnungen“ im Advent entstanden. In ökumenischer Verbundenheit wird seit 2004 in der Vorweihnachtszeit unter dem Motto „Türen auf“ täglich ein Ort in Wiesbaden aufgesucht, um zu erfahren, was in der Adventszeit hier anders ist als sonst: Betriebe, Geschäfte, Baustellen, Theater, Museen, Galerien, soziale Einrichtungen, Vereine und Verbände. Insgesamt mehr als 250 Gastgeber öffneten in dreizehn Jahren ihre Türen und zahlreiche Wiesbadener kamen, um hinter die Kulissen zu schauen. Darüber hinaus hat das Wiesbadener Tagblatt mir einer täglichen Berichterstattung diesen „Adventskalender“ begleitet.

Ein Bündnis für Demokratie geschmiedet

Nach einer Nazi-Demo im Jahr 2010 in Erbenheim schmiedet Pfarrer Christian Fischer mit katholischen Mitstreitern und Gewerkschaftern ein Bündnis zur Stärkung der Demokratie und holt nicht nur viele politische Parteien, sondern auch Moscheegemeinden, Jugendverbände, Stiftungen sowie das globalisierungskritische Netzwerk Attac an einen Tisch. Das „Bündnis für Demokratie“ mit mittlerweile 30 Bündnispartnern besteht bis heute und setzt sich nach wie vor für ein buntes Wiesbaden ein.

Wenn man Christian Fischer nach seinem Selbstverständnis fragt, verweist er auf den Ost-Berliner Bischof Albrecht Schönherr, der christlichen Glauben als die Nachfolge Jesu Christi in den Koordinaten von Raum und Zeit bezeichnet hat. Diese Koordinaten, so Fischer, haben sich immer verändert und tun es noch. „Sie zu gestalten und im Fokus zu haben – so habe ich meinen Auftrag immer verstanden.“

Aufgewachsen in der ehemaligen DDR

Stark haben sich auch die Koordinaten in seinem eigenem Leben verändert: 1954 wird er in Berlin-Weißensee geboren, in der ehemaligen DDR zwischen Berlin und Dresden wächst er im Pfarrhaus auf. Nach dem Abitur studiert er zunächst Ökonomie und arbeitet im Anschluss zwei Jahre in einem Leipziger Industriebetrieb. Stark geprägt von den gesellschaftskritischen kirchlichen Studentengemeinden beginnt er mit dem Theologiestudium in Leipzig. 1982 reist er aus der DDR zu seiner damaligen Freundin und späteren Ehefrau aus, lässt Eltern, Geschwister und Freunde zurück und kann jahrelang nicht mehr zurückehren. Zehn Jahre später wird er nach der Geburt seiner beiden Kinder und der sich anschließender Elternzeit als Pfarrer ordiniert. Er ist zunächst Gemeindepfarrer in Rheinhessen, unter anderem in Mainz-Finthen, bis er 1998 ins Dekanat Wiesbaden wechselt.

"Hört nicht auf, die Klappe zu halten"

Die Zeit in der DDR hat ihn stark geprägt. Gegen den Strom zu schwimmen – das hat er früh gelernt. Die „Klappe zu halten“, wenn es darum geht, gegen soziale Missstände einzutreten, war nie seine Sache. Und so rät er auch Kollegen und Mitstreitern: „Hört damit bloß nie auf.“

Amos-Stiftung ist ihm eine Herzensangelegenheit

Sich weiter für die Sachen engagieren, für die sein soziales Herz schlägt, will sich Christian Fischer auch noch im Ruhestand –etwa bei der Amos-Stiftung. Sie setzt sich für Arme und Ausgegrenzte in Wiesbaden ein und ist einst auf seine Initiative hin aus der Ökumenischen Wohnhilfe entstanden. Für die Kirche insgesamt wünscht sich der Sozialpfarrer, dass sie sich wieder stärker allen Milieus öffnet. Er hofft außerdem, dass sich Evangelische Kirche in den Koordinaten von Raum und Zeit immer wieder neu reformiert und dass diakonisches Handeln selbstverständlicher wird.


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