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Seelenheil in der Agrarkrise PDF Drucken E-Mail

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Dr. Susanne Claußen über die Reformation in der Region
Wiesbaden war nicht Wittenberg. Schon gar nicht war im Jahr 1517 an die Gründung einer Universität in der Grafschaft Nassau zu denken. Die Mehrheit der Einwohner Wiesbadens bestand aus Bauern, Bürgern und Handwerkern. Statt auf Kurgäste traf man auf Hühner, Schweine und Gänse. Freilich erreichten die Wogen der Wittenberger Reformation auch das Nassauer Land. Wie die sich hier, in Wiesbaden und im kurmainzischen Rheingau niederschlugen, das brachte die Religionswissenschaftlerin und Völkerkundlerin Dr. Susanne Claußen dem Publikum der Vortragsreihe „Zukunft im Kulturerbe“ im Salon Carl Schuricht des Kurhauses näher.

Es war „Reformation im Kleinen“, bemerkte der Organisator der Reihe, Dr. Thomas Weichel von der Stabsstelle Wiesbadener Identität – Engagement und Bürgerbeteiligung. „Mit vielen lokalen Details der großen Geschichte.“ Der Vortrag fand in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Dekanat statt, demnächst wird eine Publikation zum Thema erscheinen.

Vor allem verstand es Susanne Claußen, das kirchenpolitische Geschehen der Reformation und die theologische Kritik an der Kirche in ihre sozialgeschichtlichen Zusammenhänge einzuordnen. Die Agrarkrise im Zuge einer sich intensivierenden Herrschaft bildete den gesellschaftlichen Humus, auf dem Martin Luthers theologischer Ruf nach einer Rückbesinnung des Glaubens gedieh und sich rasch verbreitete. Der mit der Reformation einhergehende Bauernkrieg fand auch in Wiesbaden und im Rheingau statt. Vor allem, dass man den Kleinen Zehnten abführen musste, zu dem unter anderem der Wein für die Kirchenfürsten gehörte, stellten Bauern und Bürger in Frage. Auch im Rheingau formulierten sie ihre Forderungen. „Reformation wagen. Bürger, Bauer, Edelmann in Zeiten des Umbruchs“, hieß auch der Titel des Vortrags.

Klöster und Spitäler waren zu Versorgungsanstalten für nachgeborene Adelige und begüterte Bürger degeneriert, wie die Referentin deutlich machte. Gulden aus Schierstein, Korn aus Mosbach (heute zu Biebrich) und Schweine aus Erbenheim waren an das Heilig Geist Spital in Mainz abzuführen. Ein Krankenhaus war das Spital längst nicht mehr.

Wenn durch Jesus alle frei werden, wie könnten sie dann Leibeigene ihrer Herren sein? fragten die Aufbegehrenden. Bitter auf stieß auch in Wiesbaden und im Rheingau der Umstand, dass der Magdeburger Erzbischof Albrecht von Brandenburg (1490 – 1555) auch noch Erzbischof von Mainz werden wollte, wofür er 20.000 Gulden an den Papst zu zahlen hatte, die er sich bei den Fuggern lieh und durch den Ablassprediger Johann Tetzel wiederum eintreiben ließ. Der versprach, den Spendern und ihren verstorbenen Angehörigen den Aufenthalt im Fegefeuer zu verkürzen oder zu ersparen. Für den Wittenberger Professor Martin Luther war der Ablasskult ein wesentlicher Auslöser seiner 95 Thesen. Ihr Seelenheil war den Menschen des 16. Jahrhunderts ein tiefernstes Anliegen, insofern zahlten sie brav oder folgten bald Martin Luther, der das Geschacher geißelte. Der Bürger, auch das machte Susanne Claußen deutlich, „war nicht theologisch geschult, aber er nimmt auf, was passiert“.

Susanne Claußen, die zahlreiche Quellen im Hessischen Hauptstaatsarchiv ausgewertet hat, zeichnete ein differenziertes Bild der Reformationszeit in der Wiesbadener Region. Der regierende Graf Philipp der Altherr (1490 – 1558) hat Martin Luther 1521 auf dem Wormser Reichstag erlebt. Claußen gab sich verwundert, dass der Nassauer Philipp sich nicht von den reformatorischen Ideen hat beflügeln lassen wie sein Namensvetter Landgraf Philipp I. von Hessen (1504 – 1567), der Gründer der Universität Marburg. Philipp ließ schon bald die Gebeine der in Marburg verehrten Heiligen Elisabeth an einen unbekannten Ort bringen, um die Wallfahrten zu stoppen. Philipp der Altherr hingegen blieb zögerlich gegenüber der neuen Bewegung. Dem Schmalkaldischen Bund (den Kaiser Karl V. militärisch besiegte) trat er nicht bei. Erst 1542 führte er die Reformation ein, da kam Michael Breitschwert von Echternach als evangelischer Kaplan nach Schierstein, ganz im Einklang mit dem Wunsch der Bürger. 1546 wurde Nikolaus Gompe evangelischer Pfarrer in Erbenheim.

Der aufkommende Konfessionsstreit ging quer durch die Familien, bestätigte Susanne Claußen. Ein weiteres Dokument aus dem Hauptstaatsarchiv belegte aber auch, dass es in Wiesbaden weitgehend moderat zuging, nämlich die Anweisung, dass der Altarist der Liebfrauenkapelle in Sonnenberg „in der genanten Capel die meß lesen und sontags dem volck das evangelium verkünden“ solle. Eine Art früher Ökumene. Das einst von König Adolf von Nassau (1292 – 1298) gestifteten Kloster Klarenthal haben 1559 die letzten Nonnen verlassen. Auch das als Folge der Reformation, die vor 500 Jahren in Wittenberg ihren Ausgang nahm. Gleichzeitig war das 16. Jahrhundert, was die Freiheiten der Nassauer Bürger anging, kein gutes. Spuren der Reformation sind in Wiesbaden spärlich. Dafür nahm man im 19. Jahrhundert in neuen Kirchenbauten auf sie Bezug. Manfred Gerber


Dr. Susanne Claußen ist promovierte Religionswissenschaftlerin und seit 2010 Inhaberin des Büros für Religionen und Kulturen in Wiesbaden. Sie konzipiert und kuratiert Ausstellungen zu religionshistorischen Themen, zuletzt im Bibelmuseum „bibliorama“ in Stuttgart.


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