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„Gottes Wahrheit ragt in unsere Wirklichkeit“ PDF Drucken E-Mail

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Dekan Dr. Martin Mencke spricht über Luthers Rechtfertigungslehre

Luthers Rechtfertigungslehre ist ein Grundbegriff der protestantischen Theologie und bezeichnet die grundlegende Erkenntnis der Reformation. Bis heute strahlt die Rechtfertigungslehre in fast alle Bereiche theologischen Denkens. Doch nicht nur: Sie hat auch Auswirkungen auf unser alltägliches Zusammenleben. Was verbirgt sich hinter dem Begriff Rechtfertigungslehre?

Martin Luther trieb die Frage um, wie er trotz Schwächen, Sünden und Verfehlungen vor der Strafe Gottes bewahrt werden kann. Seine Erkenntnis: Durch eigene Leistung und Anstrengung erhält der Mensch nicht die Gnade Gottes, sondern sie ist ein Geschenk. Allein durch den Glauben ist der Mensch bereit, sie zu empfangen. Der Wiesbadener Dekan Dr. Martin Mencke (links im Bild) hat auf Einladung von Dr. Ruth Huppert (Evangelische Stadtakadmeie, rechts im Bild) in einem Vortrag im Wiesbadener Haus an der Marktkirche die reformatorischen Wurzeln der Rechtfertigungslehre entfaltet und an Beispielen erläutert, welche Konsequenzen sich daraus für unser gesellschaftliches Zusammenleben heute ergeben.

Für Mencke ist ganz klar, dass die Rechtfertigungslehre kein Theologenkonstrukt ist, sondern dass sich in genau dieser Lehre von der Rechtfertigung des Sünders die Heilsbotschaft ausdrückt. Darin zeige sich, so Mencke, warum und inwiefern wir evangelisch sind.

Neu sei damals die Entdeckung gewesen, dass für unser Verhältnis zu Gott unser Glaube allein entscheidend ist. „Wir können für unsere Rettung nichts tun“, erklärt er schlicht. „Sie verdankt sich allein Christus, seiner Gnade.“ Zentral an der Erkenntnis der Reformatoren sei dabei die Bedingungslosigkeit des Heils in Jesus Christus.

In dem Zusammenhang sei Geben nicht seliger als Nehmen, so der evangelische Theologe: „Evangelisch müsste es sogar heißen: Nehmen ist seliger als Geben. Denn nur wer den Glauben empfängt, wird bereichert.“ Heute haben Menschen - im Unterscheid zu den Lebzeiten Luthers - zwar nicht mehr Angst vor dem Richterstuhl Gottes, aber sie haben andere Fragen und Sorgen. Wie kann ich alt werden? Wie gestalte ich mein Leben so, dass ich mich angemessen entfalte. Wie viel soll ich arbeiten? Was ist mir wichtig im Leben? Für Dekan Mencke passt die Antwort von der Rechtfertigungslehre auch und gerade auf diese Fragen. Seiner Ansicht nach ist es ein grundlegendes Missverständnis, dass sich Menschen aus ihren Taten definieren: „Ich vermute, dass das heutige rasante Ansteigen von Burn-Out-Syndromen auch damit zu tun hat, dass Menschen das Gefühl haben, nicht mehr so sein zu können, wie sie sind. Forscher betonen immer wieder, dass nicht die einfache Überlastung die Ursache der Erkrankung ist, sondern die Verbindung der eigenen Leistungskraft mit der Berechtigung, sein zu dürfen, wie man ist.“ Damit hänge dann auch die Angst zusammen, irgendwann nicht mehr leistungsfähig zu sein – krankheitsbedingt, aus Altersgründen oder anderen Gründen. Dabei ist seiner Ansicht nach die wichtige Erkenntnis der Reformation: „Das Sein hat den Vorrang vor den Werken. Es heißt eben nicht: Ich bin meine Tat.“

Für Mencke prägt die Rechtfertigungslehre viele entscheidende Bereiche unseres Zusammenlebens: „Sie ist die Zusage und das Vertrauen darauf, dass Gottes Wahrheit in unsere Wirklichkeit so hineinragt, dass sie sie verändern kann: Zuwendung zum Schwachen ist möglich. Frieden ist möglich. Freude kann uns geschenkt werden.“ Gottes Wirklichkeit, so findet Mencke, kann unseren kleinen Glauben übersteigen: „Wir werden getragen. Das ist die Botschaft, die Luther stark machte. Stark zum Widerstehen gegen Kaiser, Papst, Reichsstände – und vor allem die eigenen, inneren Fragen und Zweifel. Das ist die Botschaft, die Christen auch heute stark macht. Um den einfachen Antworten und den einfachen Sicherheiten zu widerstehen. Das ist die reformatorische Botschaft der Rechtfertigungslehre für unsere Zeit.“


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